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(S)EXPERTISE FÜR ALLE! – NÄHE PROFESSIONELL GESTALTEN IN SEXARBEIT UND SEXUALBEGLEITUNG – Bericht über den 4. Fachtag der Fachberatungsstelle Allerd!ngs am 24.10.2025 in Erfurt

Mit leicht verändertem Termin lud die Fachberatungsstelle allerd!ngs Thüringen (https://allerdings-thueringen.de/) dieses Jahr am 24. Oktober 2025 zu ihrem vierten Fachtag ein. Im Mittelpunkt stand dieses Mal das Thema „(S)EXPERTISE FÜR ALLE! – NÄHE PROFESSIONELL GESTALTEN IN SEXARBEIT UND SEXUALBEGLEITUNG.“ Die fast 60 Teilnehmenden aus lokalen Gesundheits-, Bürger- und Ordnungsäm-tern sowie aus Pflege- und Betreuungseinrichtungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung, Fachberatungsstellen, Sexarbeitende, queere Netzwerke und Vertreter*innen der lokalen Presse spiegelten den großen Zuspruch und die Relevanz des Themas wider. Als Veranstaltungsort wurde in diesem Jahr das Kulturforum Haus Dacheröden im Herzen der Erfurter Innenstadt gewählt.

Der Fachtag widmete sich den Schnittstellen von Sexualität, Behinderung und professioneller Sexualbegleitung, mit besonderem Fokus auf die Perspektiven von Sexarbeitenden. Im Mittelpunkt standen gesellschaftliche und strukturelle Hürden, denen Menschen mit Behinderung bei der Inanspruchnahme sowie Sexarbeitende bei der Ausübung ihrer Arbeit begegnen. Darüber hinaus wurde die Gleichsetzung von Sexualbegleitung und Sexarbeit als Formen professioneller, selbstbestimmter Arbeit im Kontext von Teilhabe und Inklusion herausgearbeitet.

Eröffnet wurde der Fachtag durch eine Videobotschaft von Sabine Stelzl, Vorstandsfrau des Brennessel e.V., dem Träger von Allerd!ngs. Sie hob die Bedeutung der Sexualbegleitung, die bestehenden Hürden sowie die Relevanz des diesjährigen Fachtagthemas hervor.

Anschließend richtete Nadja Sthamer, Beauftragte für die Gleichstellung von Frau und Mann des Freistaats Thüringen (https://www.gleichstellungsbeauftragte-thueringen.de/) und Fachaufsicht der Fachberatungsstelle Allerd!ngs, ihr Grußwort an die Teilnehmenden. Sie plädierte für eine verlässliche Finanzierung professioneller Sozialarbeit sowie für die Rechte von Menschen mit Behinderung sowie von Sexarbeitenden.

Den ersten Fachvortrag hielt Alexander Leidig, Leiter des Fundraising im CJD Sachsen-Thüringen und langjähriger Mitarbeiter im familienunterstützenden Dienst des CJD. Er sensibilisierte für die Bedürfnisse nach Intimität und sexueller Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung und regte zur Reflexion professioneller Haltungen von Fachkräften an, die Bedürfnisse dieser ernst zu nehmen. Seine zahlreichen Beispiele und Anekdoten aus langjährigen Praxiserfahrungen bereicherten den Vortrag und ließen die momentane Situation sehr anschaulich werden. Dabei beleuchtete er auch die institutionellen und gesellschaftlichen Hürden bei der Vermittlung von Sexualbegleitung – allen voran die hoch-schwellige Sprache, der wir im Alltag begegnen, sowie den Bedarf an geeigneten Rückzugsorten, wie etwa einem Snoezelraum in den Einrichtungen, um den Bewohnenden intime Momente zu ermöglichen.

Kurz vor der Mittagspause stellte Ella Bizarr, eine Sexarbeiterin, Influencerin und Aktivistin (https://www.ellabizarr.de/) ihren neu gegründeten Verein „Grenzenlos Reisen e.V.“ vor. Der Verein organisiert Reisen für Menschen mit Behinderung in Begleitung von Sexualassistent*innen bzw. Sexualbegleiter*innen.

Nach der Mittagspause folgte ein Vortrag von Simone Hartmann Mitarbeiterin bei profamilia Nürnberg und fachliche Leiterin der Fortbildung Sexualbegleitung profamilia/Kassandra Nürnberg unter dem Titel „Professionelle Sexualbegleitung erwünscht! – Das Kassandra-Projekt“. Sie stellte das Fortbildungskonzept „Sexualbegleitung“ nach Kassandra und pro familia Nürnberg vor (https://www.kassandra-nbg.de/fortbildung-sexualbegleitung/) – eines der wenigen deutschen Weiterbildungsangebote für professionelle Sexualbegleiter*innen. Hierbei ging Sie auf die psychischen und physischen Anforderungen und die notwendige akzeptierende Haltung ein, die für die Tätigkeit als Sexualbegleiter*in notwendig sind, erläuterte Inhalte der Ausbildung und ordnete Sexualbegleitung rechtlich wie theoretisch als einen Bereich der Sexarbeit ein – so müssen sich Sexualbegleitende beispielsweise ganz regulär nach ProstSchG anmelden und sich an die Sperrbezirksverordnungen halten. Zudem betonte sie die Bedeutung klarer ethischer Leitlinien und verdeutlichte, dass Sexualbegleitung ein wichtiger Bestand-teil von Inklusion und sexueller Selbstbestimmung ist.

Für den zweiten Teil des Fachtags wurden vier Sexarbeitende eingeladen: Pamina, Sexualbegleiterin (ISBB); Thomas Aeffner, Sexualbegleiter (ISBB) und Tantra-Masseur (TMV); Ferdinand Krista, inklusiver Sexarbeiter und Stephanie Klee, Sexualassistentin und Aktivistin. Sie stellten jeweils eigene Themenschwerpunkte vor, berichteten aus ihrer Praxis und beleuchteten die Realitäten professioneller Sexualbegleitung sowie inklusiver Sexarbeit.

Sexualbegleiterin Pamina (https://sexualbegleiterinpamina.de/) stellte den aktuellen Stand des Insti-tuts für Selbstbestimmte Sexualität und Bildung (ISBB®)[1] vor, deren Leitung sie übernommen hat sowie ihre Weiterbildung zur Sexualbegleiterin nach Konzept des ISBB. Zudem verwies sie auf die im Aufbau befindliche Website https://sexualbegleitung.site, auf der zukünftig deutschlandweit praktizierende Sexualbegleiter*innen zu finden sein werden.

Thomas Aeffner (https://www.sexualbegleitung-nrw.de/) schilderte seine Erfahrungen aus der Arbeit mit Frauen mit Behinderung und traumatisierenden Erfahrungen und hob die Bedeutung von Vertrauen, Körperwahrnehmung und Kommunikation in der Sexualbegleitung hervor. Er berichtete, dass Frauen, die seine Dienstleistungen in Anspruch nehmen, das starke Bedürfnis haben, sich wieder als Frauen fühlen zu wollen. Außerdem beschrieb er, dass sich viele Kundinnen bei sexuellen Dienstleistungen häufig das Große, Ganze“ wünschen, das heißt, sich bereits beim ersten Treffen penetrativen Sex wünschen und oftmals weniger Berührungsängste hätten als männliche Kunden.

Ferdinand Krista (https://ferdinand-krista.com/) thematisierte die Zusammenhänge zwischen Sexarbeitsfeindlichkeit, Stigmatisierung und Ableismus im Kontext von Sexualbegleitung. Er erläuterte, warum aus seiner Sicht Sexualbegleitung eine „Andersmachung“ der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung darstellt und somit eine Form von Ableismus sei. Zusätzlich würde Sexualbegleitung zur Stigmatisierung der Sexarbeit beitragen. Deshalb versteht er seine Arbeit als inklusive Sexarbeit und nicht als Sexualbegleitung. Somit lud der Fachtag auch zur Auseinandersetzung mit Kontroversen innerhalb der Thematik ein.

Stephanie Klee (https://highlights-berlin.de/) berichtete, wie sie zur Sexualassistenz kam, schilderte Besonderheiten ihrer Arbeit mit Menschen in Einrichtungen und reflektierte kritisch über strukturelle Hürden und gesellschaftliche Zusammenhänge rund um sexuelle Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung. Seit vielen Jahren ist sie zudem als Sexarbeitsaktivistin tätig. 2001 war sie die erste Sexarbeiterin in Deutschland, die – noch vor Inkrafttreten des ProstG und in einer Zeit, in der Sexarbeit rechtlich als sittenwidrig galt – ihren Lohn erfolgreich einklagte. Sie berichtete, dass sie aufgrund ihres Engagements seit einiger Zeit verstärkt Anfeindungen erlebt, und betonte, dass sie die mühsam erkämpften Rechte in der Sexarbeit nicht aufgegeben sehen möchte. Im Anschluss konnte das Publikum den Redner*innen Fragen zu ihrer Arbeit stellen. Die Diskussion machte deutlich, dass Sexualbegleitung als eine Form von Sexarbeit verstanden werden muss. Zugleich wurde betont, dass diese im Kontext von Behinderung einen wichtigen Beitrag zu Selbstbestimmung, Würde und Teilhabe leistet. Dabei wurden auch sehr persönliche Fragen gestellt – etwa zum eigenen Spaß an der Arbeit, zum Umgang mit brenzligen Situationen im Berufsalltag oder zu Kund*innen, die sich verlieben. Die Antworten der Referent*innen fielen dabei sehr unterschiedlich aus.

Letztendlich zeigte sich, dass es nicht „die eine Meinung“ und nicht „die eine Sexarbeit“ gibt. Die Perspektiven waren so vielfältig wie die Referent*innen selbst – und wie das Feld der Sexarbeit.


[1] Das ISBB® bildete nach eigenem Konzept bis 2022 Sexualbegleiter*innen aus (https://www.isbbtrebel.de/)

# Johannes Maximilian Spangenberg, Jahrgang: 1994, M.A. Soziale Arbeit, ist Berater nach systemischem Ansatz beim Allerd!ngs Thüringen. E-Mail: maximilian.spangenberg@allerdings-thueringen.de